Blue Flower

Lager VI

Text aus european-niners.net - Westerstede aktuell
Von: Keanu Goertz, Vincent van Diedenhoven

Die Vergangenheit ist nicht tot! Besuch in Oberlangen

Oberlangen im Emsland? Wo liegt dieser Ort, was gibt es dort schon Interessantes und was hat dieser Ort womöglich mit Aspekten der deutsch-polnischen Geschichte zu tun? – Solche und andere Fragen stellten wir uns, als wir uns im Rahmen unseres deutsch-polnischen Zeitzeugenprojektes „European Niners“ mit den „Polnischen Spuren im Emsland“ zu beschäftigen begannen. Nach ersten Recherchen im Internet präsentierte sich der 950-Seelen-Ort als das „in der idyllischen Landschaft gelegene Oberlangen mit seinem alten Baumbestand, der sich harmonisch in das Ortsbild einfügt“ und der „besonders im Sommer seine schönsten Seiten“: „Einzelhäuser und Bauernhöfe, mit teilweise jahrhundertalten Hofeichen, säumen die Ortsdurchfahrt und geben Oberlangen den besonderen Reiz und Charakter.“  Und doch, gerade in diese augenscheinliche landschaftliche Idylle brach vor mehr als 70 Jahren das Grauen in den Alltag der Oberlangener Bevölkerung ein, das Lager VI wurde im Herbst 1933 gebaut, ein Lager, das von den Nationalsozialisten zunächst als ein weiteres Konzentrationslager geplant war. Bereits drei Jahre später wurde dieses Lager schließlich um 500 Plätze erweitert und bis zum Kriegsbeginn 1939 wurden die hier internierten Gefangenen für die körperlich schwere Arbeit in der unwirtlichen Moorlandschaft eingesetzt, um hier Torf abzubauen und diese Landschaft zu kultivieren. Nachdem das Lager im September 1939 vom Oberkommando der Wehrmacht übernommen und als Kriegsgefangenenlager eingerichtet worden war, wurden schließlich im Dezember 1944 erstmalig 1.728 polnische Frauen, die als Kämpferinnen der polnischen Untergrundarmee Armia Krajowa am Warschauer Aufstand teilgenommen hatten, als Kriegsgefangene in dieses emsländische Oberlangen überführt. Auch sie, die in den Ruinen des brennendenWarschau als kämpfende Soldatinnen von den Nazis gefangen genommen wurden, werden sich in den Waggons der Deportationszüge womöglich ähnliche Fragen gestellt haben wie wir: Oberlangen – was ist das für ein Ort, wo liegt er überhaupt?

Auf Vermittlung des Oberlangener Bürgermeisters Georg Raming-Freesen hatten wir, d.h. 2 Schüler der Europaschule Gymnasium Westerstede und 2 Schüler des 13. Liceums aus Wroclaw am 21.Oktober 2009 Gelegenheit, nach Oberlangen zu fahren, um dort ein Interview mit dem stellvertretenden Bürgermeister Heiner Ottens zu führen. Ziel war es für uns zum einen, nähere Informationen über das ehemalige Strafgefangenenlager Stalag VIc Oberlangen zu erhalten, in dem bis zum 12. April 1945 zahlreiche Kämpferinnen der polnischen Untergrundarmee Armia Krajowa (Heimatarmee) interniert waren. Zugleich interessierte uns zum anderen die Frage, wie und auf welche Weise die politisch Verantwortlichen der Gemeinde Oberlangen sich mit der historischen Vergangenheit ihrer Gemeinde auseinandersetzen.

Empfangen wurden wir am von alten Eichen umgebenen Heimathaus der  ehemaligen Hofstelle der Gemeinde Oberlangen, einer Begegnungsstätte, in dem wenige Wochen zuvor bereits die heute 81-jährige ehemalige Lagerinsassin und heutige Zeitzeugin Wanda Broszkowska-Piklikiewicz zusammen mit ihrem Ehemann Henryk (95) herzlichst begrüßt wurde.  Beeindruckend für uns war, wie umfassend Herr Ottens als zuständiger Gemeindevertreter uns über die Geschichte des ehemaligen Lagers informierte und wie selbstverständlich es für ihn war, sich mit der Vergangenheit dieses Lagers als Bestandteil der lokalen Geschichte seines Dorfes kritisch auseinander zu setzen. So erfuhren wir, dass zwischen den zuständigen Gemeindevertretern und der Frau Broszkowska-Piklikiewicz als Vorsitzender des historischen Ausschusses Oberlangen der polnischen Heimatarmee (AK) bereits seit längerer Zeit engere Kontakte bestehen und auch schon private Besuche z.B. des Altbürgermeisters Raming-Freesen in Warschau stattgefunden haben.  Frau Broszkowska selbst ist schon mehrfach nach 1945 zu Besuchen ins Emsland gekommen und hat ihrerseits sich aktiv darum bemüht, ein Zeichen gegenseitiger Versöhnung zu setzen. Ein weiteres sichtbares Zeichen für die Aufgeschlossenheit der Gemeinde, sich mit ihrer Vergangenheit zu stellen, war für uns auch die Information, dass die Gemeinde sich frühzeitig aktiv und erfolgreich bemüht hat, an dem  Begegnungsprogramm „Zeitzeugen im Dialog 2009“ der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten teilzunehmen (s. z.B. die Veranstaltungsreihe im Papenburger Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ), an dem auch Frau Broskowska-Piklikiewicz teilgenommen hat). Auch wenn man von den Ausmaßen des  früheren Lagergeländes nicht mehr viel erkennen kann, so ist es doch aus unserer Sicht ein wirklich positives Zeichen, dass nunmehr auch ein offizieller Gedenkstein an das Schicksal der hier Inhaftierten erinnert. Wie wir durch Herrn Ottens darüber hinaus erfuhren, wolle man versuchen, auf dem Lagergelände die übrig gebliebenen „steinernen Zeugen“ wie z.B. das alte Wasserwerk zu erhalten und ggf. auch ein Gedenkstätte einzurichten, die zugleich als Mahnmal an das erlittene Unrecht erinnert.

Der amerikanische Schriftsteller Faulkner hat einmal geschrieben: „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen.“  Gerade in diesem Zusammenhang scheint es uns wichtig zu sein, dass wir als Menschen, die diese Zeit nicht persönlich erlebt haben, dennoch die persönliche und familiäre, aber auch die historische Vergangenheit einer Region oder eines Ortes als „vergangen“ begreifen. Dies meint im Sinne Faulkners aber nicht, dass diese Vergangenheit im Bewusstsein der Menschen als „vergangen“ i.S. von „begraben“ oder „verdrängt“ , als „tot“ oder als „unwichtig für die Gegenwart“ zu verstehen ist. Nur wenn wir die Vergangenheit zugleich als etwas Gewesenes akzeptieren, dieses nicht verdrängen oder von uns abtrennen und insgesamt bereit sind, die Vergangenheit als Bestandteil von uns selbst anzuerkennen, werden wir auch in der Lage sein, aus Geschehenem Schlüsse zu ziehen. Denn:

Wir müssen aus Geschehenem lernen und weitergeben - vermitteln -, was wir aus Geschehenem gelernt haben. Und das heißt: Wir müssen uns mit dem Vergangenen auseinandersetzen. Und in diesem Sinne scheinen uns die Gemeindevertreter aus Oberlangen auf einem guten Weg zu sein, vor allem wenn es gelingen sollte, die persönlichen Kontakte zu polnischen Mitbürgern in der Weise zu erweitern, dass siebzig Jahre nach Kriegsende nun auch auf kommunaler oder Vereinsebene intensivere Kontakte zu Polen als europäischem Nachbarn geknüpft werden könn(t)en. Dies bleibt zu wünschen und zu hoffen!